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Wie viel Alkohol tranken Menschen früher wirklich?

Auf einem rustikalen Tisch liegt das Buch „Der Deutsche Rausch“ mit der Destillationskunst von Atelier Memoria auf dem Einband

Die Vorstellung ist erstaunlich hartnäckig: Im Mittelalter war das Wasser so schlecht, dass Erwachsene und Kinder den ganzen Tag Bier tranken. Morgens Bier, mittags Bier, abends Bier. Wer südlich genug wohnte, wechselte offenbar einfach auf Wein. Und weil das alles angeblich kaum Alkohol enthielt, waren die Menschen gleichzeitig dauernd am Trinken und irgendwie doch nie betrunken.

Ganz falsch ist daran nur leider nicht alles.

Alkoholische Getränke gehörten in früheren Jahrhunderten erheblich selbstverständlicher zum Alltag als heute. Bier war in vielen Gegenden Nahrungsmittel, Getränk und Handelsware zugleich. In Weinregionen spielte Wein dieselbe Rolle. Im frühen 19. Jahrhundert wurde wiederum billiger Branntwein zu einem sozialen Problem solchen Ausmaßes, dass Zeitgenossen von einer „Branntweinwuth“ sprachen. Trotzdem lässt sich daraus keine brauchbare Aussage wie „Früher trank jeder zwei Liter Bier am Tag“ für Deutschland ableiten. Verbrauch, Getränkesorte und Trinkgewohnheiten unterschieden sich nach Jahrhundert, Region, sozialer Lage, Alter und Verfügbarkeit erheblich.

Einige historische Zahlen wirken nach heutigen Maßstäben tatsächlich gewaltig. Für Hamburg um 1500 nennt die historische Forschung etwa zweieinhalb Liter Bier pro erwachsener Person und Tag; für süddeutsche Städte werden zeitweise Größenordnungen von ungefähr einem Liter Wein genannt. Solche Angaben sind aber regionale historische Befunde und keine Trinkordnung für das gesamte damalige Deutschland.

Wer wissen möchte, wie viel Alkohol Menschen früher wirklich tranken, muss deshalb zuerst eine unangenehme Gegenfrage stellen: Welche Menschen, wann und wo?

Tranken Menschen im Mittelalter wirklich jeden Tag Bier?

In vielen Gegenden: ja.

Bier gehörte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den alltäglichen Getränken. Das Germanische Nationalmuseum beschreibt Bier neben Wein als verbreiteten Bestandteil mittelalterlicher Ernährung. Das Clemens Sels Museum Neuss bezeichnet Bier für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit sogar als Grundnahrungsmittel und nennt für die dort behandelte regionale Situation tägliche Mengen von annähernd zwei Litern, wobei das historische Bier vergleichsweise wenig Alkohol enthalten konnte.

Schon das Wort „Bier“ verführt allerdings zu einem falschen Vergleich.

Wer dabei an eine heutige Flasche Pils mit rund fünf Volumenprozent denkt, stellt sich schnell einen mittelalterlichen Arbeitstag vor, der spätestens gegen elf Uhr vormittags organisatorische Schwierigkeiten bekommen müsste. Historische Biere waren keineswegs einheitlich. Stärke, Zutaten und Qualität schwankten erheblich. Es gab dünnere Alltagsbiere ebenso wie stärkere Varianten.

Bier lieferte zudem Energie. Getreide war teuer genug, dass ein daraus gebrautes Getränk nicht lediglich als Freizeitdroge betrachtet wurde. Historische Trinkkultur lässt sich deshalb schlecht mit der heutigen Trennung zwischen „Lebensmittel“ und „Alkohol“ beschreiben.

Ein Krug Bier konnte Nahrung, Flüssigkeit und Rauschmittel gleichzeitig sein.

Nur nicht immer in derselben Gewichtung.

War Bier wirklich sicherer als Wasser?

Teilweise konnte es das sein. Die beliebte Behauptung „Im Mittelalter konnte man kein Wasser trinken“ ist trotzdem falsch.

Mittelalterliche Menschen verfügten selbstverständlich über Brunnen, Quellen, Wasserleitungen und andere Formen der Wasserversorgung. Archäologische und schriftliche Untersuchungen dokumentieren für deutsche Städte und Klöster teils erstaunlich ausgebaute Systeme. Das Kloster St. Emmeram in Regensburg besaß beispielsweise bereits im 12. Jahrhundert eine Wasserleitung mit Bleirohren. Mittelalterliche Städte unterhielten Brunnen und reparierten Leitungen mit beträchtlichem Aufwand.

Menschen tranken Wasser.

Sie mussten es sogar, denn Menschen und Nutztiere konnten unmöglich vollständig mit Bier und Wein versorgt werden. Unterrichtsmaterial der Ostfriesischen Landschaft zur mittelalterlichen Ernährung weist entsprechend auf Bäche, Teiche und Brunnen als alltägliche Wasserquellen hin.

Gleichzeitig konnte Trinkwasser verunreinigt sein, besonders in dicht bebauten Städten. Brunnen in der Nähe von Aborten, Misthaufen oder gewerblichen Abwässern waren hygienisch problematisch. Beim Brauen wurde Wasser erhitzt, wodurch zahlreiche Krankheitserreger reduziert wurden. Das Germanische Nationalmuseum spricht deshalb durchaus von Bier als in bestimmter Hinsicht gesünderer Alternative zu belastetem Wasser.

Die vernünftige historische Antwort lautet also:

Es gab trinkbares Wasser. Es gab verschmutztes Wasser. Und unter bestimmten Bedingungen konnte gebrautes Bier hygienische Vorteile besitzen.

Aus diesem Befund wurde irgendwann die Legende, niemand im Mittelalter habe Wasser getrunken.

Woher wissen wir überhaupt, wie viel getrunken wurde?

Das ist schwieriger, als eine präzise Literzahl vermuten lässt.

Bier und Wein hinterlassen Quellen. Sie wurden gebraut, verkauft, besteuert, verzollt, als Naturalien ausgegeben und in Rechnungen erfasst. Obrigkeiten regelten Ausschank und Produktion. Klöster und Haushalte führten Rechnungen über Lebensmittel.

Wasser hinterlässt wesentlich seltener eine Rechnung.

Wer einen Eimer aus dem Brunnen holte, erzeugte damit häufig keinen Eintrag in einem Abgabenbuch. Deshalb ist alkoholischer Konsum in wirtschaftlichen Quellen systematisch sichtbarer als kostenlos oder gemeinschaftlich verfügbares Wasser.

Das bedeutet nicht, dass historische Verbrauchszahlen wertlos wären. Man muss lediglich verstehen, was sie tatsächlich messen. Brauereiproduktion ist nicht automatisch persönliche Trinkmenge. Steuerlich erfasster Ausschank enthält nicht alles, was privat gebraut wurde. Durchschnittswerte sagen wenig darüber aus, wie sich der Konsum innerhalb einer Bevölkerung verteilte.

Der durchschnittliche mittelalterliche Mensch ist ohnehin ein ausgesprochen theoretisches Wesen.

Er lebte gleichzeitig in Hamburg, Franken und am Rhein, trank Bier und Wein und gehörte offenbar jeder sozialen Schicht an.

Wein oder Bier? Das hing stark davon ab, wo man lebte

Von einer einheitlichen deutschen Trinkkultur kann für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit kaum die Rede sein.

Weinanbaugebiete verfügten über ein anderes Getränkeangebot als Regionen mit ausgeprägter Brautradition. Städte konnten eigene Braurechte besitzen. Handelswege machten bestimmte Getränke verfügbar, die anderswo teuer blieben. Klima und Landwirtschaft beeinflussten, ob Gerste, Wein oder andere Rohstoffe in größeren Mengen produziert wurden.

Das Germanische Nationalmuseum bezeichnet Wein bis ins Spätmittelalter als besonders verbreitetes Getränk und dokumentiert zugleich Bier als wichtigen Bestandteil der Trinkkultur.

Für Hamburg um 1500 nennt die Bundeszentrale für politische Bildung den bereits erwähnten hohen Bierverbrauch. In süddeutschen Städten spielte Wein dagegen eine wesentlich größere Rolle.

Schon deshalb funktioniert die Frage „Was trank man früher in Deutschland?“ nur mit Einschränkungen.

Man trank das, was verfügbar, bezahlbar, gesellschaftlich üblich und regional produziert wurde.

Manchmal war das Bier.

Manchmal Wein.

Und selbstverständlich auch Wasser.

Waren die Menschen früher ständig betrunken?

Das lässt sich aus hohen Getränkemengen nicht ableiten.

Historischer Alkoholkonsum bestand keineswegs ausschließlich aus Rauschtrinken. Die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass der tägliche alkoholische Trunk im Mittelalter teilweise als Nahrungsmittel verstanden wurde, während gerade gemeinschaftliche Berauschung beim Gelage als moralisches Problem gelten konnte.

Damit verschiebt sich die Perspektive.

Heute gilt Alkohol überwiegend als Genuss- und Rauschmittel. Ein Getränk mit Alkohol wird ausdrücklich als alkoholisches Getränk wahrgenommen. In historischen Gesellschaften konnte Bier gleichzeitig Teil der täglichen Kalorienzufuhr sein. Das macht seinen Alkoholgehalt nicht bedeutungslos, verändert aber den sozialen Kontext.

Zugleich existierte selbstverständlich Trunkenheit.

Sie war sichtbar genug, dass Obrigkeiten, Geistliche und Moralisten immer wieder dagegen vorgingen. Gerade die Quellen über Verbote und Klagen zeigen, dass exzessiver Konsum keineswegs als völlig normal und folgenlos behandelt wurde.

Menschen früherer Jahrhunderte waren nicht immun gegen Ethanol.

Ihre Leber besaß keine historische Sondergenehmigung.

Mit dem Branntwein änderte sich die Lage erheblich

Wer über historischen Alkoholkonsum spricht, sollte Bier und Schnaps nicht einfach in denselben Topf werfen.

Destillierte Spirituosen ermöglichten es, wesentlich größere Alkoholmengen in sehr viel kleinerem Volumen aufzunehmen. In Deutschland gewann Branntwein besonders im 18. und frühen 19. Jahrhundert erheblich an Bedeutung. Mit der zunehmenden Nutzung der Kartoffel als Rohstoff konnte er günstig hergestellt werden.

Das Deutsche Historische Museum beschreibt den preiswerten Branntwein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als weit verbreitetes Konsumgut vor allem unter ärmeren Bevölkerungsschichten. Zeitgenossen betrachteten den Alkoholismus mitsamt seinen sozialen Folgen vielerorts als „Pest der Zeit“.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert für die Jahre vor 1850 Berichte über eine sich ausbreitende „Branntweinwuth“. Publizisten forderten sogar Beschränkungen der Branntweinproduktion, weil sie einen Zusammenhang zwischen Armut, Hunger und starkem Alkoholkonsum sahen.

Das ist eine andere Trinkkultur als der Krug schwaches Alltagsbier.

Und genau deshalb führt die pauschale Frage „Wie viel Alkohol tranken Menschen früher?“ so leicht in die Irre.

Ein Liter Flüssigkeit sagt noch wenig.

Entscheidend ist, was darin steckt.

Der sogenannte Branntweinkonsum war auch eine Geschichte der Armut

Im frühen 19. Jahrhundert traf billiger hochprozentiger Alkohol auf eine Gesellschaft, die sich wirtschaftlich drastisch veränderte.

Bevölkerungswachstum, Pauperismus, unsichere Beschäftigung und die beginnende Industrialisierung verschärften vielerorts soziale Probleme. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, dass ärmere Bevölkerungsschichten Alkohol auch verwendeten, um Hunger und soziale Not zumindest vorübergehend zu betäuben.

Das Deutsche Historische Museum berichtet sogar davon, dass Branntwein Kindern gegeben wurde, damit sie nachts ruhiger waren oder trockenes Brot leichter aßen. Solche zeitgenössischen Praktiken zeigen einen Umgang mit Alkohol, der nach heutigen gesundheitlichen Maßstäben erschreckend wirkt.

Man sollte daraus allerdings keine neue Pauschalgeschichte bauen, nach der im 19. Jahrhundert sämtliche Arbeiter und Bauern ständig betrunken gewesen seien.

Gerade die zeitgenössische Kritik entstand deshalb, weil Konsummuster unterschiedlich waren. Es gab Abstinenz, mäßigen Gebrauch und schweren Missbrauch nebeneinander.

Eine Durchschnittszahl kann diese Unterschiede kaum erzählen.

Wann wurde Alkoholkonsum eigentlich zum medizinischen Problem?

Auch unsere Vorstellung von Alkoholabhängigkeit besitzt eine Geschichte.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wie sich die Wahrnehmung von Trunkenheit zwischen Mittelalter und Neuzeit wandelte. Lange wurde übermäßiges Trinken vor allem moralisch als Laster behandelt. Vorstellungen eines inneren Trinkzwangs tauchten zwar früher auf, gewannen aber erst um 1800 größere Bedeutung. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich daraus zunehmend medizinische und sozialpolitische Vorstellungen von Alkoholismus.

Damit änderte sich auch die Person des Trinkers.

Wer zu viel trank, galt nicht mehr ausschließlich als jemand, der sich moralisch falsch verhielt. Zunehmend konnte er als Mensch verstanden werden, dessen Verhältnis zum Alkohol selbst krankhaft geworden war.

Parallel entstanden Abstinenz- und Mäßigkeitsbewegungen.

Heinrich Tappes grundlegende historische Untersuchung „Auf dem Weg zur modernen Alkoholkultur“ behandelt genau diesen Wandel vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg und verbindet Alkoholproduktion, Trinkverhalten und Temperenzbewegung in Deutschland.

Die moderne Alkoholdebatte fällt also nicht plötzlich vom Himmel.

Sie entstand aus einem langen gesellschaftlichen Lernprozess.

Auch die Arbeitswelt gehörte zur Trinkkultur

Alkohol wurde keineswegs ausschließlich nach Feierabend konsumiert.

Bier oder Branntwein konnten Bestandteil von Arbeitsabläufen und Entlohnung sein. Bei körperlicher Arbeit galt Alkohol teilweise als stärkend oder energieliefernd. Landwirtschaftliche Arbeiten, Handwerk und später industrielle Beschäftigung entwickelten jeweils eigene Trinkgewohnheiten.

Gerade im 19. Jahrhundert wurde der Alkoholkonsum am Arbeitsplatz zunehmend Gegenstand sozialreformerischer Kritik. Die Temperenzbewegung verband ihn mit Arbeitsunfällen, Armut, Familienproblemen und vermeintlicher beziehungsweise tatsächlicher mangelnder Leistungsfähigkeit.

Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem historischer Alkoholgeschichte: Dass eine Praxis gesellschaftlich üblich war, bedeutet nicht, dass ihre schädlichen Folgen unbekannt blieben.

Menschen wussten selbstverständlich, dass jemand nach zu viel Branntwein nicht mehr nüchtern war.

Sie beschrieben die Ursache nur in anderen Begriffen als moderne Suchtmedizin.

Tranken Kinder wirklich Bier?

Ja, Kinder konnten Bier erhalten. Daraus sollte man trotzdem keine bizarre historische Erziehungsregel machen.

Das Germanische Nationalmuseum weist darauf hin, dass schwach alkoholisches Bier im Mittelalter aufgrund seines geringen Alkoholgehalts sogar als für Kinder geeignet gelten konnte.

Wie stark ein solches Bier tatsächlich war, hing von Brauweise und Sorte ab. Dünne Alltags- oder Nachbiere konnten erheblich schwächer ausfallen als moderne Standardbiere.

Das bedeutet nicht, dass jedes Kind täglich mehrere Liter alkoholisches Bier bekam. Familien, Regionen und soziale Verhältnisse unterschieden sich. Muttermilch, Wasser, Milchprodukte und andere Flüssigkeiten verschwinden nicht aus der Geschichte, nur weil Bier in bestimmten Quellen besonders gut dokumentiert ist.

Im 19. Jahrhundert begegnet dagegen ein anderes Problem: Das Deutsche Historische Museum dokumentiert den Einsatz von Branntwein bei kleinen Kindern in armen Haushalten. Das ist mit schwachem historischem Bier weder physiologisch noch sozial gleichzusetzen.

„Kinder tranken früher Alkohol“ ist also richtig.

Als vollständiger Satz ist es nahezu wertlos.

Wie stark war historisches Bier wirklich?

Auch darauf gibt es keine allgemein gültige Zahl.

Rohstoffmenge, Brauverfahren und lokale Vorschriften unterschieden sich. Die heute vertraute Vorstellung, Bier habe ziemlich zuverlässig ungefähr vier bis fünf Prozent Alkohol, gehört in eine industrialisierte Welt mit kontrollierten Rezepturen, Hefestämmen und Produktionsverfahren.

Historische Brauer produzierten verschiedene Qualitäten. Ein Haushalt konnte schwächeres Bier für den täglichen Verbrauch und stärkere Varianten für besondere Zwecke herstellen. Außerdem ließ sich aus demselben Malz mehrfach Würze gewinnen, wobei spätere Ansätze deutlich schwächer wurden.

Darum ist der Satz „Die tranken zwei Liter Bier“ ohne Angabe der Stärke nur begrenzt hilfreich.

Zwei Liter eines sehr schwachen Alltagsbiers und zwei Liter eines modernen Starkbiers haben denselben Flüssigkeitsumfang.

Danach endet die Gemeinsamkeit ziemlich schnell.

Wurde früher mehr Alkohol getrunken als heute?

Für einzelne Zeiten und Regionen lässt sich das durchaus sagen. Als pauschale Aussage über tausend Jahre Geschichte funktioniert es nicht.

Man muss außerdem unterscheiden zwischen der Menge eines Getränks und der darin enthaltenen Menge reinen Alkohols.

Sehr hohe historische Biermengen können bei niedriger Alkoholkonzentration einen anderen Ethanolwert ergeben als deutlich kleinere Mengen Spirituosen. Im 19. Jahrhundert verschob gerade die stärkere Verbreitung von Branntwein diese Rechnung.

Auch innerhalb der Moderne schwankt der Konsum erheblich. Das Statistische Bundesamt weist für Deutschland beispielsweise noch 1993 einen annähernden Bierverbrauch von 130,3 Litern je Einwohner aus. Historische und aktuelle Statistiken messen zudem teilweise unterschiedlich und sind nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar.

Für Mittelalter und Frühe Neuzeit sind solche Vergleiche noch schwieriger.

Wer aus einer einzelnen Zahl einen tausendjährigen Trinktrend baut, bekommt vermutlich ein sehr ordentliches Diagramm.

Nur keine besonders gute Geschichte.

Warum die Geschichte vom untrinkbaren Wasser trotzdem nicht verschwinden will

Sie erklärt alles so angenehm.

Die Menschen tranken viel Bier.

Warum?

Weil Wasser tödlich war.

Fertig.

Historisch sind die Dinge unangenehmer. Wasserqualität konnte schlecht sein. Bierbrauen konnte Keime reduzieren. Gleichzeitig existierten Brunnen, Quellen und Wasserleitungen, die Menschen bewusst anlegten, unterhielten und reparierten. Mittelalterliche Wasserversorgung war wichtig genug, dass Städte beträchtliche technische Anlagen dafür errichteten.

Menschen entschieden auch nicht mit unserem heutigen mikrobiologischen Wissen zwischen zwei Bechern.

Sie sahen, rochen und schmeckten Wasser. Sie wussten aus Erfahrung, welche Quellen als gut galten. Sie konnten feststellen, wenn ein Brunnen offensichtlich verschmutzt war, auch wenn ihnen Bakterien unbekannt waren.

Bier war deshalb ein wichtiges und teilweise hygienisch vorteilhaftes Getränk.

Es war keine flächendeckende Ersatzflüssigkeit für eine Bevölkerung, die angeblich aufgehört hatte, Wasser zu trinken.

Alkohol erzählt erstaunlich viel über eine Gesellschaft

Historische Trinkkultur lässt sich deshalb kaum auf Promille reduzieren.

Wer welches Getränk trank, verrät etwas über Landwirtschaft und Handel. Bier benötigt Getreide und Brauereien, Wein geeignete Anbaugebiete, Branntwein Destillation und Rohstoffe. Steuern auf Alkohol zeigen staatliche Interessen. Verbote verraten Konflikte. Wirtshausordnungen erzählen etwas über Öffentlichkeit und Geselligkeit.

Im 19. Jahrhundert wird Alkohol zusätzlich zur sozialen Frage.

Plötzlich geht es um Arbeiter, Armut, Familie, Gesundheit und Produktivität. Abstinenzvereine reagieren auf Konsummuster, die Zeitgenossen als problematisch wahrnahmen. Medizin und Psychiatrie entwickeln neue Vorstellungen von Abhängigkeit.

Aus einem Becher lässt sich erstaunlich viel Geschichte herauslesen.

Man muss ihn nur gelegentlich abstellen.

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Genau diese längere Geschichte steht hinter „Der deutsche Rausch“. Das Buch von Lou Herfurth und Sascha Ziegler verfolgt Alkohol in der deutschen Geschichte nicht als Sammlung lustiger Trinkbräuche, sondern als Teil des gesellschaftlichen Alltags: Bier und Wein als Lebensmittel und Handelsgüter, Branntwein als Massenprodukt, Rausch, Regulierung, soziale Konflikte und der Wandel unseres Blicks auf Alkohol.

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Die Frage, wie viel Menschen früher tranken, bekommt dabei zwangsläufig keine hübsche Ein-Liter-Antwort. Ein Hamburger um 1500 lebte in einer anderen Trinkwelt als eine Arbeiterfamilie des frühen 19. Jahrhunderts. Weinregionen hatten andere Gewohnheiten als ausgeprägte Bierlandschaften. Ein dünnes Alltagsbier ist kein Kartoffelschnaps.

Gerade diese Unterschiede machen Alkohol als historische Quelle interessant.

Weitere Artikel über Quellenarbeit, Alltagsgeschichte und historische Mythen erscheinen im Blog von Lou Herfurth. Einen Überblick über die historischen Veröffentlichungen gibt es bei den Büchern und Referenzen.